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16.03.2026 um 10:04 UhrDie Güterversorgung hängt entscheidend von stabilen Liefernetzwerken und sicheren Infrastrukturen ab. Tiefgreifende soziale, ökologische und technologische Umwälzungen bedrohen diese jedoch zunehmend und stören den normalen Fluss von Waren, Dienstleistungen und Informationen. Um Lieferketten langfristig abzusichern und stabil zu halten, ist der Aufbau von resilienten, hoch agilen Zuliefernetzwerken für Produktion und Logistik unabdingbar.
Von: Robert Recknagel
Lieferketten waren selten so bedroht wie heute. Maßnahmen wie Handelszölle wirbeln die Märkte durcheinander und Wetterextreme sowie klimabedingte Rohstoffschocks bedrohen das globale Wirtschaftswachstum. „Schwarze Schwan“-Ereignisse, einst ein Ausnahmephänomen, treten mittlerweile immer häufiger auf und unterbrechen die Lieferketten mit beängstigender Regelmäßigkeit. Risikofaktoren wie teure Umleitungen oder hohe Versicherungszuschläge könnten die Logistikkosten in den nächsten Jahren daher in eine unkalkulierbare Höhe treiben. Auch im Bereich Künstlicher Intelligenz, deren Systeme immer komplexer und autonomer werden, wächst das Potenzial für „Schwarze Schwäne“ – mit bislang unabsehbaren wirtschaftlichen, ethischen und gesellschaftlichen Konsequenzen.
Mit geeigneten Lösungen stellt eine digitalisierte, KI-basierte und hochvernetzte Ökonomie jedoch auch die Möglichkeit, schnell und flexibel auf Veränderungen zu reagieren und durch vorausschauende Planung auch auf das Untererwartete vorbereitet zu sein. Um das umzusetzen, muss die Wirtschaft jedoch ihre Produktion digitalisieren, technische Neuerungen und Regulierungen implementieren und vor allem ihr Verbraucherverhalten nachhaltiger gestalten.
„Toilettenpapierkrise“ als Augenöffner
Konkret ablesen lassen sich derartige Erfordernisse an der sogenannten „Toilettenpapierkrise“ während der Coronapandemie. Durch die getroffenen Coronamaßnahmen hielten sich unverhältnismäßig viele Menschen zuhause auf und ließen den Bedarf an Toilettenpapier in den Haushalten ansteigen. Zugleich erhöhte sich aber der Warenbedarf für den täglichen Gebrauch so stark, dass die Lieferkapazitäten der Transportfahrzeuge nicht mehr ausreichten, um alle Güter in ausreichender Menge termingerecht in die Supermärkte zu bringen. Bei der Priorisierung der Beladungsgüter gerieten Waren mit hohem Volumen und geringer Marge ins Abseits – dazu gehörte das Toilettenpapier, das dadurch kurzfristig im Handel in zu geringer Menge verfügbar war. Dieses Beispiel zeigt die Störungsanfälligkeit von Lieferketten deutlich auf: Ein flexibleres System hätte etwa durch Nutzung weiterer Lkw mehrere verschiedene Supermärkte mit den entsprechenden kritischen Warengruppen versorgen können. Auf Produktionsseite wiederum ergaben sich Engpässe daraus, dass Werke, die Toilettenpapier in Großmengen für Unternehmen und Organisationen herstellten, sich nicht so umrüsten ließen, dass sie den höheren Bedarf an haushaltsüblichen Packungen und Qualitäten herstellen konnten.
Aber auch in den Produktionssektoren, insbesondere der Autoindustrie, wurde mangelnde Resilienz offengelegt. Die massiven Abhängigkeiten in verteilten Wertschöpfungsnetzen – etwa von den Versorgungsketten chinesischer Produzenten – brachten die Just-in-time (JIT) getaktete Belieferung mit wichtigen Komponenten gehörig durcheinander. Die in den letzten Jahrzehnten verfolgte Strategie, die Wertschöpfung über den Globus zu verteilen – beispielsweise die Assemblierung ganzer Module europäischer Autobauer in Asien – arbeitete plötzlich gegen ihre Urheber.
Zukunftssichere Resilienz-Konzepte schaffen
Unternehmen mussten feststellen, dass ihre hoch integrierten globalen Liefernetzwerke zu schwerfällig sind, um mit hoher Volatilität fertig zu werden. Fehlende Handlungsspielräume machen ihre Lieferketten anfälliger für schwerwiegende Folgen durch unvorhergesehene Ereignisse. Infolgedessen hat sich Resilienz zur zentralen Anforderung für Lieferkettenbetreiber entwickelt. Der Begriff bezeichnet die Fähigkeit, Störungen zu antizipieren, zu absorbieren und sich schnell davon zu erholen, um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten.
Ein neuer Planungsansatz
Um statische, auf Langfristigkeit ausgelegte Systeme jedoch in dynamische, resiliente Supply-Chains zu verwandeln, bedarf es eines neuen Planungsansatzes. Dafür müssen Unternehmen ihre Transportmanagementsysteme, die für Transparenz in der Lieferkette sorgen, durch Echtzeitüberwachung der Prozessausführung sowie moderne Supply-Chain-Control-Tower-Funktionalitäten erweitern. Eine entsprechende Software analysiert anschließend die gesammelten Informationen in Echtzeit, beurteilt deren Bedeutung und schätzt den Handlungsbedarf ab. Mithilfe durchgängiger Planungstrichter, die über die gesamte Lieferkette hinweg implementiert sind, entsteht so ein wirksames Instrument zur dynamischen Netzwerk- und Routenplanung, das die Effizienz der Transportprozesse und die Resilienz der gesamten Lieferkette entscheidend verbessert.
Smart shipping containers equipped with IoT sensors for enhanced supply chain visibility.
Maximale Lieferkettentransparenz
Um derart hohe Reaktionsgeschwindigkeiten zu erreichen, benötigen Unternehmen eine maximal transparente Lieferkette, die alle Vorgänge von der Rohstoffbeschaffung bis zum Endverbraucher offenlegt. Diese muss darüber hinaus mittels Datenerhebungs- und Datenanalysesystemen innerhalb von Sekunden Entscheidungshilfen generieren und gegebenenfalls automatisiert Maßnahmen einleiten können. Dazu bedarf es nicht nur stets aktueller Informationen, beispielsweise über alternative Transportmittel und -routen, sondern auch leistungsfähiger Softwarelösungen, die sämtliche Implikationen alternativer Entscheidungen in Echtzeit ermitteln und darstellen, zum Beispiel welche Laufzeitvor- und -nachteile bestehen, wie die Kostenbilanz aussieht und welche Konsequenzen die jeweiligen Entscheidungen in der Folgezeit verursachen.
Reaktionsschnelle Systemlandschaft
Das Grundgerüst für ein zukunftssicheres Resilienz-Konzept bildet eine reaktionsschnelle Systemlandschaft mit Echtzeitüberwachung der Prozessausführung sowie modernen Supply-Chain-Control-Tower-Funktionen. Transportmanagementsysteme sorgen dabei zwar für die nötige Sichtbarkeit und Prozess-Transparenz. Jedoch sind die Systeme nicht in der Lage selbständig weiterführende Schritte auszuführen und beispielsweise die Farben der auf Rot, Gelb oder Grün stehenden Prozessampeln zu interpretieren. Dazu bedarf es Plattformen, die aktuelle Supply-Chain-Kontexte erkennen und integrieren können, wozu viele der derzeitigen Plattformen kaum in der Lage sind. Steht eine Ampel im Transportmanagementsystem auf Rot, macht es einen Unterschied, ob ein JIT-Kunde auf eine sofortige Lieferung angewiesen ist oder ob zum Beispiel der Liefertag nicht entscheidend ist, da die Bestände ausreichen oder die Waren aktuell nicht gebraucht werden. Ob und wenn ja welche Maßnahmen zu treffen sind, kann mit Hilfe agiler Software entschieden werden.
Planungstrichter entlang der Lieferkette
Um drohende Engpässe und andere kurzfristige Veränderungen frühzeitig zu erkennen, sollten Unternehmen einen integrierten Planungstrichter von der strategischen über die taktische und operative Sicht bis zu echtzeitbasierten Szenariobetrachtungen aufsetzen. Planzustände werden dabei gegen operative Rückmeldungen fortlaufend validiert und geben bei Abweichungen Handlungsempfehlungen ab. Für eine schnelle und durchgängige Bearbeitung der Abweichungen, ist es wichtig Handlungsalternativen in einem Control-Tower-System priorisiert aufzubereiten.
Anhand einer Fülle von Echtzeitdaten berechnet das System dabei die Implikationen möglicher alternativer Transportvarianten und speist das Ergebnis in die Control-Tower-Applikation ein. Der Kunde fügt seine individuellen Supply-Chain-Daten, beispielsweise Vorgaben des Endkunden, hinzu, woraufhin das System passende Entscheidungsgrundlagen präsentiert. Es weist zum Beispiel daraufhin, dass ohne sofortige Reaktion ein für einen Kunden entscheidender Termin überschritten wird, mit möglicherweise gravierenden Folgen. Oder aber: Das ermittelte Problem ist im Rahmen der Vorgaben des Kunden nicht schwerwiegend, es genügt ein Anruf mit der Information, dass sich die Auslieferung um eine Stunde verzögert.
Dynamische Routenplanung als Joker
Routenplanung hat die Aufgabe, die für die aktuelle Situation effizienteste Planung zu finden und die Möglichkeit von Unterbrechungen zu minimieren. Moderne dynamische Routenplanungssysteme bieten die Möglichkeit, Datenupdates und -analysen sowie KI in die Prozesssteuerung zu integrieren. Sie passen sich flexibel und weitgehend automatisiert an veränderliche Umstände an und konfigurieren, falls notwendig, einzelne Prozessschritte neu. Ob Verkehrssituation, Wetterereignis oder kurzfristige Änderungen im Belieferungsplan des Kunden – das System überwacht nicht nur die Lieferung, sondern leitet auch schnell und automatisch korrigierende Maßnahmen ein, verständigt die beteiligten Stakeholder und schlägt alternative Routen oder Transportmittel vor.
Digitalisierung mit Logistik 4.0-Technologie vertiefen
Für traditionelle Lieferketten, deren Planung langfristigen Strategien unterliegt, stellen „Schwarze Schwäne“ eine ständige Herausforderung dar. Durch das Implementieren durchgängiger Planungstrichter innerhalb aller Teilsegmente der Supply Chain, kann jedoch eine vertiefte Digitalisierung mit moderner Logistik 4.0-Technologie erreicht werden, die den Umstieg von langfristig geplanten Lieferketten zu resilienten, hoch agilen Zuliefernetzwerken möglich macht. Durch Integration von Echtzeitdaten und deren Analyse in den Planungsprozess lässt sich eine dynamische Netzwerk- und Routenplanung realisieren, die die Effizienz der Transportabläufe spürbar erhöht und den Aufbau einer stabilen Resilienz-Architektur erlaubt.

Als Leiter Operations & Go-To-Market ist Robert Recknagel bei Blue Yonder für den Vertrieb, die Implementierung, die Content-Entwicklung und die strategische Produktentwicklung in den Bereichen Logistik und Fertigung verantwortlich. Er berät Unternehmen aus diesen Branchen bei der Auswahl und Implementierung von IT-Lösungen auf strategischer, taktischer und operativer Planungsebene.
Robert Recknagel hat einen Abschluss in Service Administration Management von der Universität Trier und begann seine Karriere als Solution Consultant in Europa und Südostasien. Anschließend implementierte er bei Rhenus Logistics internationale Logistikkonzepte für die Automobil-, Fertigungs- und Einzelhandelsbranche und legte damit den Grundstein für das 4PL-Geschäft des Logistikdienstleisters.




